LEERER FRESSNAPF
Heute früh.
Sehr früh heute.
Alles noch total dunkel und ich im Tiefschlaf.
Plötzlich eine Stimme: «Bist du eigentlich zufrieden, Miezchen?»
Ich auf allen Vieren.
Wie denn, was denn, wo denn? Fauch!!
Hope.
Es war Hope.
Nur Hope.
Natürlich war es Hope.
Unhörbar hatte er sich an mich herangeschlichen und dicht an meinem Ohr diese dumme Frage in meinen Tiefschlaf geflüstert. Ja, nur geflüstert hat er sie. Aber aus nächster Nähe tönte er so laut wie das Nebelhorn eines Ozeanriesen.
«Oh, tschuldigung, tschuldigung, ich habe ganz vergessen, wie schrecklich schreckhaft du bist», lachte er mich aus. «Dabei will ich wirklich nur wirklich wissen, ob du zufrieden bist. Ich bin es nämlich nicht.»
Wir hätten gerade ein Riesenschiff gekreuzt, schwärmte er, das sei sooo gross gewesen, nicht so ein möchtegerngrosses wie meines. Und er, Hope, er wolle sein Leben auf so einem verbringen. So ein Containerschiff, so ein Schiff der Extraklasse sei doch etwas anderes als unsere schwimmende Kies- und Kornscheune. Dort, ja, dort gebe es freifallende Rettungsboote und jede Menge Bananen und Sardellen. Und die Brücke sei ganz hoch oben und richtig breit, und der Wulstbug vorne unter dem Wasser, der sei mehr als doppelt so dick wie unserer.
«Dann geh’ doch!», murrte ich.
Ich stellte mir die Ruhe vor, die sich auf meinem Frachtschiff wieder ausbreiten würde, wäre Hope nicht mehr da, und spürte einen Hauch von Zufriedenheit.
«Geht nicht», kicherte Hope, der meinen Stimmungswechsel bemerkt hatte, «geht nicht: ich kann nämlich nicht weg von hier.»
«Wieso, Hope, wieso nicht?», fragte ich alarmiert, ohne zu verstehen, wieso. Halb hoffte ich, ich sei der Grund, der ihn zum Bleiben bewog, weil er endlich merkte, was er an mir hat, halb wusste ich, dass das sicher nicht der Fall war und etwas mir Unbekanntes und sicher Ruhestörendes dahintersteckte.
«Das, Miezchen, das wüsstest du jetzt gern, was?», grinste Hope und stiess mich in die Seite.
‘Miezchen’. Zum zweiten Mal schon nannte er mich jetzt so. Aus Hopes Mund tönte der Kosename wie ein Giftpfeil. Wie ein rosa Giftpfeil. Niedlich, aber spitz und sehr verletzend. Nichts nimmt er ernst, dieser Kopffüssler, einfach nichts. Dabei gebe ich mir solche Mühe mit ihm. Und ich wusste, natürlich wusste ich: Je mehr ich ihm zeige, dass ich nicht Miezchen genannt werden will, desto mehr würde er es tun. Und je mehr ich wissen will, was er mir verschweigt, desto mehr würde es ihn belustigen, mich im Ungewissen zu lassen. Daher zeigte ich ihm unmissverständlich, dass mich nichts kümmerte und ich auch nichts wissen wollte. Ich streckte und dehnte alle meine Beine und ging ein paar Schritte.
Dabei dachte ich: «Einatmen, Trina, und – ausatmen, so, durch die Nase ein, ja – und durch den Mund aus. Und überhaupt, Containerschiff: dummes Gerede. Und Miezchen ist nur ein Name.»
Hope äffte meine Beruhigungsversuche nach. Exakt, wenn auch übertrieben. Mit grossen Bewegungen rollte er seine acht Arme aus, einen nach dem andern, streckte sie, und atmete tief ein. Nur ein. Immer nur ein. Achtmal. Sein Kopf glänzte in der Bordbeleuchtung und sah aus wie ein praller Ballon, wie ein sehr, sehr praller Ballon. Als ich meinte, jetzt müsse er platzen, atmete er endlich und geräuschvoll aus. Es tönte wie ein lang anhaltender Furz.
Zu viel ist zu viel.
Ich liess ihn stehen, diesen Hope, spazierte davon und legte mich am andern Ende meines Frachtschiffs auf eine windgeschützte Bank.
Wolken fegten über den immer noch dunklen Himmel wie Wischlappen über einen Tisch. Nur dass sich die Sterne nicht aufwischen liessen.
Hope folgte mir nicht. Vielleicht spielte er immer noch Ballon oder, das war wahrscheinlicher, er beschäftigte sich bereits mit etwas anderem.
Ein Containerschiff der Extraklasse. Bah! Mit Bananen und Sardellen und mit freifallenden Rettungsbooten. So ‘was beeindruckt dich, Hope?
Naja: Auch ich habe einmal Träume gehabt. Von Seerettungsschiffen zum Beispiel. Aber wirklich fortgehen habe ich nie gewollt. Zu gut gefiel es mir immer auf meinem Frachtschiff. Es ist nicht zu gross und nicht zu klein, es ist gerade richtig. Richtig für mich, für eine Schiffskatze. Zudem: Meine beiden Menschen brauchen mich, und sie sorgen für mich. Und die Schiffsratten und Schiffskrabben fürchten sich vor mir. Was will ich mehr?
Ich lag da, katzenmüde, und doch konnte ich den Schlaf nicht wieder finden. Meine Gedanken kreisten. Am Horizont kündigte sich der anbrechende Tag an. Der Himmelssaum wurde blau und erste Sterne lösten sich auf.
Wenn ich mich nur nicht dauernd vor dir in Acht nehmen müsste, Hope. Wie schön das Leben sein könnte.
Wieso nur, Hope, wieso denkst du, du kannst hier nicht weg? Ein Sprung ins Wasser, und die Welt steht dir offen. Was ist es, das dich zurückhält? Was ist der Grund, den du für dich behältst?
Dabei hat er keine Ahnung, wie gefährlich Weggehen ist. Miau. Die Welt ist voller tintenfischfressender Fische, tintenfischfressender Vögel und, ja, tintenfischfressender Menschen. So ist es: Auch Menschen fangen und fressen Tintenfische. Oder sie quetschen sie aus und schreiben und zeichnen mit Tintenfischtinte oder färben damit ihr Futter schwarz. Sogar das gibt es. Die wenigsten Menschen sind so harmlos wie unsere beiden, wie Kohlkopf und Kapitänin Ui. Hier, auf meinem ach so kleinen Frachtschiff sind wir in selten grosser Sicherheit, hier geht es uns besser, als Hope es sich überhaupt denken kann.
«Trotzdem», erinnere ich mich noch gedacht zu haben, «Hope hat auch seine guten Seiten. Wenn nur die Daueraufregungen nicht wären.»
Ich muss doch noch eingenickt sein. Denn das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass mich Sonnenstrahlen in der Nase kitzelten. Ich meinte zuerst, es sei Hope mit einer langen Fischgeräte und sprang auf. Doch dann schaute ich mich um und stellte fest: Ich war allein. Wie immer am Morgen leckte ich mir mein Fell sauber. Ab und zu machte ich eine Pause und gähnte. Alles war wie immer.
Bis – «Ha, Trina, was ist denn mit dir los?» – Kohlkopf dastand.
Sein Morgengruss war entschieden nicht so wie immer, und er schüttelte den Kopf, als er eine Spritzdüse auf ein Schlauchende setzte, um auf seine Art sauber zu machen. Mein Frachtschiff, fand ich, hatte es sehr viel nötiger als ich.
Aber was war denn los? Es war nicht das erste Mal, dass ich auf einer Schiffsbank übernachtete und mich in der Morgensonne sauberleckte.
Kohlkopf fuhr mir über mein glänzendes Fell. Wie schön.
«Trina, Trina», brummte er dazu, «seit wann, sag, seit wann frisst du deinen Fressnapf leer, bevor du dein Fell putzt? Du bist doch nicht etwa krank, oder?»
Wie bitte?
Ich schaute nach.
Natürlich schaute ich nach.
Eiligst.
Ein leerer Fressnapf ist ja nicht nichts.
Kohlkopf mit seinem Wasserschlauch liess ich kopfschüttelnd zurück.
TATSÄCHLICH.
Mein Fressnapf: leer. Total leer. Überhaupt nichts mehr drin.
Mein Bauch: auch leer, nicht das kleinste Anzeichen einer Mahlzeit.
Mein Frühstück war einfach weg.
So war das.
Und wer, wer konnte so etwas getan haben?
Wer hatte die Frechheit, mir mein Fressen wegzufressen?
Die Schiffsratten?
Wohl kaum.
Frech sind sie zwar, unsere Bilgentiere, kein Zweifel. Aber ihre Angst vor mir ist dann doch zu gross. Die würden sich nie an meinen Fressnapf wagen. Oh, nein. Die Schiffsratten waren es nicht gewesen, und die Schiffskrabben ebenso wenig.
Meine Menschen?
Unwahrscheinlich, höchst unwahrscheinlich. Katzenfutter haben die noch nie angerührt. Die wissen gar nicht, wie gut das schmeckt. Und aus meinem Napf haben sie auch noch nie gefressen. Manchmal benutzt Kohlkopf zwar seine Vorderpfoten, also seine Hände, wenn er isst. Widerlich. Aber aus meinem Napf fressen, davor ekelt er sich.
Hope?
Hm. Hope.
Nicht auszuschliessen, leider nicht auszuschliessen.
Hope.
Miau.
Immer wieder Hope.
Wieso immer du?
Oben rechts:
Paffpaff