- ERSTER EINTRAGvon Schiffskatze Trina
PAFFPAFF
«Es ist ganz einfach», hat Kohlkopf gesagt.
Meistens ist er ganz nett, mein Mensch. Nur beim Auslaufen, wenn wir aufs Meer fahren, hat er immer schlechte Laune. Als ob er sich jedes Mal neu daran gewöhnen müsste, auf meinem Frachtschiff zu leben.
Da gehe ich ihm lieber aus dem Weg. Selbst wenn er vergisst, meinen Napf zu füllen, streiche ich ihm nicht um die Beine. Denn am zweiten Tag auf See kehrt seine gute Laune zurück. Immer. Dann füttert er mich wieder, streichelt mich und seufzt: «Meine Trina, meine liebe Trina.»
Rrrrr.
Also.
Erstens: Schreiben. Das habe ich getan.
Zweitens: Veröffentlichen. Das heisst so, auch wenn nur ich selbst sehe, was ich geschrieben habe. Meine Einträge sind geschützt, mit dem sichersten Schlüsselwort, das ich mir ausdenken konnte.
«So kannst du überall schreiben, Trina, überall», hat mir Kohlkopf erklärt und mich hinter den Ohren, oh, ja, hinter den Ohren gekrault.
Dabei muss ich gar nicht überall schreiben können. Ich bin und bleibe auf meinem Frachtschiff. Zusammen mit meinen beiden Menschen.
Was ich brauche ist Schutz. Schutz vor neugierigen Armen und neugierigen Saugnäpfen und neugierigen Augen, die alles, wirklich alles sehen wollen. Selbst meine sorgfältig versteckten Tagebucheinträge hat er gelesen, dieser ruhelose Haufen Arme, dieser tintige Tintenfisch. Mir stellen sich die Nackenhaare, wenn ich dran denke. Aber das, genau das hat genau jetzt ein Ende. Jetzt kann Hope nie mehr lesen, was ich geschrieben habe. Mein Schlüsselwort steht zwischen ihm und meinen Einträgen, unüberwindbar. Es steht zwischen seiner Neugierde und meinen Gedanken – wie eine Wand. Ja, mein Schlüsselwort ist eine Wand zwischen Hope, dem Tintenfisch und Trina, der Schiffskatze. Und nur ich kenne es, nur ich allein. So ist es richtig, so soll es sein und bleiben, für immer.
Wenn ich es mir überlege, ist es doch gut, überall Einträge machen zu können. Überall muss ja nicht überhaupt überall heissen, sondern kann auch überall auf meinem Frachtschiff bedeuten. Also: Ich kann auf der Kommandobrücke Einträge machen oder in der Schiffsmesse, im Funkraum oder in Kohlkopfs Kabine. Und wenn ich mir eins der tragbaren Kleindinger schnappe, sogar draussen auf Deck, sogar auf meinem Lieblingsplatz, auf dem warmen Blech über dem Maschinenraum.
Was für Aussichten!
Jetzt aber wirklich fertig und veröffentlichen. Damit das, was ich geschrieben habe, nicht plötzlich und einfach weg ist.
Oben rechts drücken, hat er gesagt.
Nichts.
Miau.
Wieso passiert nichts?
Oh, hier noch einen Haken.
So.
Aber jetzt:
Paffpaff
Rrrrr.
- ZWEITER EINTRAGvon Schiffskatze Trina
OH, JA
Alles ist noch genau so da, wie ich es gestern geschrieben habe. Alles. Und niemand ausser mir hat es lesen können.
Gut und richtig so.
Dazu die Sonne, die auf dem Meer glitzert, das gleichmässige Auf und Ab meines Frachtschiffs, das Vibrieren des warmen Blechs unter mir und die Ruhe. Eine grenzenlose Ruhe. Mein Bauch ist voll, mein Fell sauber, und von der Kombüsenküche her riecht es – für den Fall, dass ich wieder Hunger bekomme – nach Fisch.
Wenn ich mir jetzt, gerade jetzt, noch etwas wünschen dürfte, hätte ich keine Ahnung, was. Ausser vielleicht noch mehr vom Gleichen. Hier liegen, aufs glitzernde Meer schauen, Fischduft riechen und unter mir das warme, vibrierende Blech spüren.
Paffpaff
- DRITTER EINTRAGvon Schiffskatze Trina
BLUBBERN IM SCHIFFSBAUCH
Mein Daliegen gestern, meine eigentlich grenzenlose Ruhe dauerte nur kurz. Denn Kohlkopf kam und fragte, ob ich wisse, wo Hope stecke.
Hope?
Ich: sofort auf allen Vieren.
Weil: Nein, das wusste ich nicht.
Und: Ich wusste es auch nach einem Blick in den Spülkasten noch nicht, in dem er manchmal schläft, und auch nicht nach einem sorgfältigen Kontrollgang über mein Frachtschiff.
Hope war und blieb weg.
Abgehauen.
Verschwunden.
Schon wieder.
«Wenn mein Kopfkissen wieder voller Tintenfischtinte ist», schimpfte Kohlkopf, «werfe ich den Achtarmigen eigenhändig und für immer über Bord!»
Für immer, von wegen. Hope schwimmt doch wie ein Fisch, er ist ja fast einer, Wasser ist sein Zuhause. Wie von einer Düse getrieben schösse er unter unserem Schiffsbauch hindurch und kletterte auf der anderen Seite schneller wieder an Deck als Kohlkopf «Geschieht ihm recht, diesem lausigen Kopffüsslerfisch!» denken könnte.
Statt Rumliegen ich also den ganzen Tag auf Tintenfischsuche.
In der Vorratskammer: war er nicht.
Die Kombüse: Fehlanzeige.
Im Maschinenraum: auch nicht.
Der Funkraum: leer.
Auf der Brücke, im Steuerhaus: auch da kein Hope.
Klebte er mit seinen Saugnäpfen irgendwo an der Aussenseite meines Schiffs? Das war auch schon vorgekommen.
Aber: Nein.
Ich überprüfte es noch einmal.
Erfahrung hat mich gelehrt, wie gut Hope sich unsichtbar machen kann. Die Farbe der nächsten Umgebung und sogar deren Oberflächenstruktur kann er meisterhaft nachahmen. Nur seine offenen Augen verraten ihn und das fast immer: Er ist viel zu neugierig, um sie länger Zeit zu schliessen.
Aber nein, nein, nein, es klebte kein Hope am Schiffsrumpf.
Mein Fell war nassgeschwitzt, mein Herz raste, genau wie meine Gedanken.
War ihm etwas passiert?
Ich suchte weiter. Suchte und suchte.
Bis ich, ja, bis ich im tiefsten Schiffsbauch unter den Bodenplatten endlich ein verdächtiges Blubbern hörte.
War es möglich, oh, konnte es sein, dass Hope so blubberte?
Schlangengleich glitt ich durch einen Spalt unter die Bodenplatten und kroch aufs Blubbergeräusch zu. Wie ein Tiger auf der Jagd setzte ich Samtpfote vor Samtpfote, nicht auf den Schmutz achtend, der sich an mein Fell klebte, und den Gestank nach Ich-will-nicht-wissen-was-es-ist ausblendend.
Und tatsächlich: Im abgestandenen Bilgenwasser, bei den Schiffsratten und Schiffkrabben, in eine Vertiefung gedrückt fand ich den Ausreisser.
Hope, du – da?!
Ich hatte das Schlimmste befürchtet, das Allerschlimmste: Hope eingeklemmt in einer Luke oder Hope von der Schiffsschraube zerstückelt oder Hope vom Gefrierraum in einen steifen Block gekühlt oder Hope von einem der grossen, gefährlichen Albatrosse gefressen.
Aber jetzt? Jetzt spielte er mit den Schiffsratten und Schiffkrabben Verstecken.
Die mag er doch gar nicht. Die neckt er doch immer und nennt sie «übles Bilgengetier».
Etwas stimmte nicht.
Ich überlegte. Überlegte gründlich und überlegte schnell. Das Ergebnis explodierte wie eine Blendrakete in meinem Kopf.
Hope spielte gar nicht mit den Schiffsratten und Schiffskrabben, natürlich nicht. Hope spielte mit mir. Er versteckte sich nur im Bilgenwasser, weil ich ihn dort zuletzt suchen würde. Er wusste, dass ich wusste, dass er mit diesem Bilgengetier nichts anfangen konnte. Sicher grinste er in seinem Versteck vor sich hin, umso mehr, je länger und verzweifelter ich ihn suchte.
Ich kenne ihn, ich kenne ihn gut. Zuerst schafft er es, sein Lachen mit einem seiner acht Arme vor dem Mund zurückzuhalten. Dann, weil das Lachen stärker wird, drückt er mit einem zweiten Arm drauf, und dann mit einem dritten, vierten und fünften, bis er seine Freude auch mit allen acht Armen nicht mehr verbergen kann. Dann sieht er aus wie ein bebender Nudelhaufen mit schlangendicken Nudeln, aus dem irgendwelche Laute hervorgluckern. Hopes unterdrücktes Prustelachen war so zu einem schwachen Blubbern im Bilgenwasser geworden. Schwach – aber laut genug für meine feinen Schiffskatzenohren.
Ich hörte dich, Hope, und ich fand dich, fand dich endlich.
Schnellstens machte ich dort weiter, wo mich Kohlkopfs Frage «Trina, weisst du, wo Hope ist?» unterbrochen hatte: beim Ausruhen auf dem warmen Blech über dem Maschinenraum.
Wie gut das tat.
Unter mir die Wärme vom Maschinenraum und auf mir ein paar Sonnenstrahlen.
Wärme rundum. Sie drang durch mein Fell, drang in meinen Bauch, bis ins Ende meiner Schwanzspitze. Sie liess meine Krallen aus- und wieder einfahren. Aus und ein, aus und, ja, wieder ein.
Wie nett von den Menschen, wie wissend, dass sie mein Frachtschiff so gebaut haben, wie sie es gebaut haben: mit dem wärmenden Maschinenraum genau unter meinem Lieblingsplatz.
Jetzt nur nicht an Hopes Blubbern denken, Trina.
Nein.
Vergessen, verblubbern, nicht mehr, nein, nicht mehr daran denken.
Nicht mehr, oh, nein, denken.
So.
Ver-ges-sen.
Miau.
Was?
Was denn?
Etwas wollte ich doch vergessen.
Aber was?
Rrrrr.
Egal. Gaaanz egal.
Paffpaff
- VIERTER EINTRAGvon Schiffskatze Trina
LEERER FRESSNAPF
Heute früh.
Sehr früh heute.
Ich noch im Tiefschlaf.
Plötzlich eine Stimme: «Bist du eigentlich zufrieden, Miezchen?»
Ich auf allen Vieren.
Wie denn, was denn, wieso denn? Fauch!!
Hope.
Es war Hope.
Nur Hope.
Hope!?
Unhörbar hatte er sich an mich herangeschlichen und dicht an meinem Ohr diese Frage in meinen Tiefschlaf geflüstert. Ja, geflüstert hat er. Aus solcher Nähe tönte es trotzdem wie das Nebelhorngedröhne eines Schiffs.
«Oh, entschuldige, ich habe ganz vergessen, wie schrecklich schreckhaft du bist», lachte er mich aus. «Dabei will ich wirklich wirklich wissen, ob du zufrieden bist. Ich nämlich nicht.»
Wir hätten gerade ein Schiff gekreuzt, erklärte er begeistert, das sei sooo gross gewesen, ein Riesending, nicht so ein möchtegerngrosses wie meines. Und er, Hope, er wolle sein Leben auf so einem verbringen. So ein Containerschiff, so ein Schiff der Extraklasse sei doch etwas anderes als unsere fahrende Kies- und Kornscheune. Dort, ja, dort gebe es freifallende Rettungsboote und jede Menge Bananen und Sardellen. Und die Brücke sei eine richtige Brücke, und der Wulstbug vorne unter Wasser mehr als doppelt so dick.
«Dann geh’ doch!», murrte ich ungerührt.
Ich stellte mir die Ruhe vor, die auf mein Frachtschiff zurückkehren würde, wäre Hope nicht mehr da und spürte den Hauch eines fernen Glücks.
«Geht nicht», kicherte Hope, der meinen Stimmungswechsel bemerkt hatte, «dein Hope kann jetzt nicht weg.»
«Wieso das denn nicht?», fragte ich und war bereits wieder alarmiert, ohne verstehen zu können, wieso. Halb hoffte ich, ich sei der Grund, wieso er bleiben wollte, weil er endlich merkte, was ich schon alles für ihn getan hatte, halb wusste ich, dass das nicht der Fall war, und etwas mir Unbekanntes und sicherlich Ruhefeindliches dahintersteckte.
«Ja, das wüsstest du gern, Miezchen!», lachte Hope und stiess mich mit einem seiner Armenspitzen in die Seite.
‘Miezchen’. Zum zweiten Mal schon nannte er mich jetzt so. Aus Hopes Mund tönte der Kosename wie ein Giftpfeil. Wie ein rosa Giftpfeil. Niedlich anzuschauen, aber total gefährlich. Nichts nimmt er ernst, dieser Kopffüssler, einfach nichts. Dabei gebe ich mir solche Mühe, ihm wenigstens ein bisschen Anstand beizubringen.
Ich wusste: Je mehr ich zeigte, dass ich nicht Miezchen genannt werden wollte, desto mehr würde er es tun. Und je mehr ich wissen wollte, was er verschwieg, desto mehr würde es ihn erheitern, mich im Ungewissen zu lassen. Daher zeigte ich ihm unmissverständlich, dass mich nichts kümmerte und ich auch nichts wissen wollte. Ich streckte und dehnte der Reihe nach meine vier Beine und ging ein paar Schritte.
Dabei dachte ich: «Einatmen, Trina, und ausatmen, so, durch die Nase ein, ja, und durch den Mund aus. Und überhaupt, Containerschiff: dummes Gerede. Und Miezchen ist nur ein Name.»
Hope ahmte meine Beruhigungsversuche nach. Sorgfältig rollte er alle seine Arme aus, einen nach dem andern, streckte sie, und atmete übertrieben ein. Nur ein. Bald sah er aus wie ein Ballon. Wie ein sehr praller Ballon. Als ich schon meinte, er müsse platzen, atmete er endlich und geräuschvoll aus. Es tönte wie ein gedehnter Furz.
Zu viel ist zu viel.
Ich liess ich ihn stehen, spazierte davon und legte mich am andern Ende meines Frachtschiffs auf eine windgeschützte Bank.
Wolken fegten über den Himmel wie Wischlappen über einen Tisch. Nur dass sich die Sterne nicht aufwischen liessen.
Hope war nicht mitgekommen. Wahrscheinlich beschäftigte ihn bereits ein neuer Gedanke, oder er spielte immer noch Ballon.
Ein Containerschiff der Extraklasse. Bah! Mit Bananen und Sardellen und mit freifallenden Rettungsbooten. So ‘was beeindruckt dich, Hope?
Naja: Auch ich hatte meine Träume gehabt, als ich jung war. Von Seerettungsschiffen zum Beispiel. Aber wirklich fortgehen habe ich nie gewollt. Zu gut gefiel es mir immer auf meinem Frachtschiff. Für mich ist es einfach perfekt: nicht zu gross und nicht zu klein. Zudem: Meine beiden Menschen brauchen und umsorgen mich. Und die Schiffsratten und Schiffskrabben fürchten sich vor mir. Was will ich mehr?
Ich lag da, immer noch müde, und doch konnte ich den Schlaf nicht wieder finden. Am Horizont zeigten sich die ersten Anzeichen des anbrechenden Tages. Sein Saum wurde blau und erste Sterne lösten sich darin auf.
Wenn ich mich nur nicht dauernd vor dir in Acht nehmen müsste, Hope. Wie schön das Leben sein könnte.
Aber es lässt sich nun mal nicht ändern. Du bist da, einfach da, und ich, ich muss zu dir schauen.
Wieso nur, Hope, wieso denkst du, du kannst hier nicht weg? Ein Sprung ins Wasser, und die Welt steht dir offen. Was, Hope, was ist es, das dich daran hindert? Was ist dein geheimer Grund?
Dabei, miau, hast du keine Ahnung, wie gefährlich Weggehen ist. Die Welt ist voll von tintenfischfressenden Fischen, tintenfischfressenden Vögeln und, ja, tintenfischfressenden Menschen. Es ist so: Auch Menschen fangen und fressen Tintenfische, Hope. Oder sie quetschen sie aus und schreiben und zeichnen mit Tintenfischtinte oder färben damit ihr Futter schwarz. Oh ja, sogar das gibt es. Die wenigsten Menschen sind so harmlos wie unsere zwei. Hier, auf meinem ach so kleinen Frachtschiff bist du in selten grosser Sicherheit, Hope, hier geht es dir besser, als du denkst.
«Eigentlich», erinnere ich mich noch gedacht zu haben, «eigentlich bist du trotz allem ganz in Ordnung, Hope. Deine Fischgeschenke, wenn auch selten, mag ich zum Beispiel sehr.
Ich muss wieder eingenickt sein. Denn das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass mich ein Sonnenstrahl in der Nase kitzelte. Ich meinte zuerst, es sei Hope und sprang auf. Doch dann blinzelte ich, gähnte und begann mir in der Morgensonne das Fell sauber zu lecken. Ganz so wie immer.
Bis: «Ha, Trina, was ist denn mit dir los?»
Kohlkopf.
Sein Morgengruss war entschieden nicht so wie immer, und er schüttelte den Kopf, als er eine Spritzdüse auf ein Schlauchende setzte, um auf seine Art sauber zu machen. Das Schiff, fand ich, hatte es sehr viel nötiger als ich.
Aber was war los? Es war ja nicht so, dass ich das erste Mal auf einer Schiffsbank übernachtet und mich in der Morgensonne saubergeleckt hätte.
«Ich kann mich nicht erinnern, dass du deinen Fressnapf je vor deiner Morgentoilette geleert hättest,» schob Kohlkopf nach, als er mich wieder anblickte.
Wie bitte?
Ich schaute nach.
Natürlich schaute ich nach.
Eiligst.
Ein leerer Fressnapf ist ja nicht nichts.
Kohlkopf mit seinem Wasserschlauch liess ich weiter kopfschüttelnd zurück.
TATSÄCHLICH.
Mein Fressnapf: leer. Total leer. Überhaupt nichts mehr drin.
Mein Bauch: auch leer, nicht das leiseste Anzeichen einer Morgenmahlzeit.
Mein schönes Frühstücksfleisch war einfach weg.
So war das.
Und wer, wer hatte so etwas getan?
Wer hatte die Frechheit, mir mein Fressen wegzufressen?
Die Schiffsratten?
Kaum.
Frech sind sie zwar, unsere Bilgentiere, kein Zweifel. Aber ihre Angst vor mir ist viel zu gross. Die würden sich niemals an meinen Fressnapf heranwagen. Oh, nein. Die Schiffsratten waren es nicht gewesen, und die Schiffskrabben sicher auch nicht.
Meine Menschen?
Unwahrscheinlich, höchst unwahrscheinlich. Katzenfutter haben die noch nie angerührt. Die wissen gar nicht, wie gut das schmeckt. Und aus meinem Napf haben sie auch noch nie gefressen. Manchmal benutzt Kohlkopf zwar seine Vorderpfoten, also seine Hände, wenn er isst. Widerlich. Aber aus meinem Napf fressen, davor ekelt er sich.
Hope?
Hm.
Nicht auszuschliessen.
Leider nein.
Hope.
Immer wieder Hope.
Wieso immer du? Oben rechts:
Paffpaff
- FÜNFTER EINTRAGvon Schiffskatze Trina
WAR ER’S?
Von Hope fehlt jede Spur.
Entweder ist er es tatsächlich gewesen, und er zeigt sich nicht, weil er ein schlechtes Gewissen hat oder sich vor mir fürchtet, oder er ist trotzdem gegangen, auch wenn er gesagt hat, er könne nicht. Vielleicht auch beides: Zuerst hat er mein Fleisch gefressen und dann – paff – ist er abgehauen.
Ob er mich und mein Frachtschiff wirklich verlassen hat? Ob er tatsächlich auf einem Containerschiff der Extraklasse mitfährt? Dann wäre er richtig fort. Vielleicht für immer. Und ich, ich hätte wieder so richtig meine Ruhe.
Miau.
Wieso bin ich nicht einfach froh darüber, so, wie ich es mir vorgestellt habe?
Es wäre wieder wie früher, Trina!
Keine Aufregungen mehr.
Kein Erschrecken.
Keine Sorgen.
Aber, Trina: Versprochen ist versprochen.
Ja, so ist das, ich komme nicht drum herum.
Und ein Versprechen verspricht man, um es zu halten.
«Ich werde zu ihm schauen», habe ich gesagt, ich erinnere mich, als wäre es erst grad passiert.
Trinas Wort ist ein Schiffskatzenwort, und ein Schiffskatzenwort gilt.
Auch wenn das Gegenüber eine Möwe ist, die sich vom Wind treiben lässt, woher er auch weht, und Zephyr heisst.
Hope war so klein gewesen, kleiner als meine Vorderpfote, und fast so niedlich wie ein Katzenjunges. Mit seinen fiebrigen Augen schaute er mich an, wie um zu sagen: «Wenn du nicht zu mir schaust, schaue ich selbst zu mir, bilde dir nur nichts darauf ein.» Dabei war er so auf meine Hilfe angewiesen, dieser Winzling.
Und da, winzig, krank und hilflos, liess Hope mein Herz zum ersten Mal in meinem Leben schneller schlagen. Bumbum, bumbum, bumbum.
Wie oft noch sollte sich das wiederholen!
Zum Beispiel, als er auf Schiffsrattenjagd Schiffsratten aufscheuchte, oder als er seinen Kopf auf mein Bauchfell legte und beim Träumen Unverständliches vor sich hinmurmelte, oder, später, als er seinen ersten selbst gefangenen Fisch in meinen Fressnapf legte.
Und all die andern Gründe!
Schon ganz früh zeigte sich seine Vorliebe für Kohlkopfs Saugnapf, der am Rasierspiegel klebt und mit einer Klemme das Bild eines Menschengesichts festhält. Wie oft lief Kohlkopfs Gesicht zornrot an, weil das Menschengesichtsbild am Boden lag und der Saugnapf mit der Klemme fehlte. Ich renkte ein, was einzurenken war, was zuerst ganz einfach war. Hope spielte irgendwo mit dem Saugnapf, ohne zu wissen, dass er etwas falsch gemacht hatte. Schwieriger wurde es, als Hope Gefallen daran fand, den Saugnapf absichtlich zu verstecken und ihn an unerwarteten Orten wieder auftauchen liess. Einmal klebte der Saugnapf aussen an Kohlkopfs Kabinenbullauge, und in der Klemme steckte eine windzerzauste Möwenfeder. Ein Andermal klebte der Saugnapf an der Tür zur Kommandobrücke und hielt Kohlkopfs löcherigen Strumpf fest. Und unvergesslich natürlich, wie Kapitänin Ui den Saugnapf auf dem Kartenbildschirm fand, wo er unsere Route verdeckte. Was für ein Toben, was für ein Schimpfen! Und in der Klemme klemmte eine Meeresschnecke, die aus dem Häuschen lugte und so schnell wie möglich zurück ins Wasser wollte.
Ach Hope, du entwickeltest eine wachsende Vorliebe dafür, Mensch und Tier zu erschrecken. Gäbe es eine Weltmeisterschaft in «Lautlos Anschleichen», du würdest ganz sicher gewinnen.
Dann, vor ein paar Wochen, wären wir bei einem Anlegemanöver fast in eine Hafenmauer gefahren. Schrecklich! Hope drückte Kohlkopf aus dem Nichts heraus und von hinten einen seiner Saugnäpfe auf den Mund. Patsch! Und das gerade dann, als mein Mensch den grossen roten Hebel hätte auf «Rückwärts» legen sollen. Kohlkopf wollte schreien, konnte aber nicht. Er tönte, als wäre er unter einem Berg Kopfkissen begraben. Später, also: Sehr viel später brummte er, es habe sich angefühlt, als wäre er von einem Dauerküsser geküsst worden. Es brauchte Kapitänin Uis schnelles Eingreifen, damit mein Frachtschiff im letzten Moment doch noch mit voller Kraft zurücksetzte. Die Hafenmauer, das Schiff und wir mit ihm blieben ganz.
Uff!
Tatsache ist: Wenn ich auch nur die Hälfte von dem, was Hope schon angestellt hat, hätte vorausahnen können, hätte ich Zephyr niemals versprochen, zum kranken Tintenfisch zu schauen – so winzig dieser auch war.
«Ich komme euch besuchen!», hat Zephyr gerufen, nachdem ich mein Schiffkatzenwort gegeben hatte, seine Flügel gestreckt und abgehoben. «Irgendwann, irgendwo, irgendwie – ich werde kommen, verlasst euch drauf. Ich…» Das Ende habe ich nicht mehr gehört. Zephyr flog zu hoch, und sein Schwarm um ihn herum lärmte. Ich meinte «Ha-Ha-Hope» herauszuhören. Ha-Ha-Hope.
Miau.
So ist es gewesen, und so ist es immer noch.
Zephyr hat dich auf einer Klippe gefunden, und ich habe dich, Hope, gesundgepflegt. Je besser es dir ging, es ist so, je besser es dir ging, desto mehr mussten meine Menschen und ich unter deinen Taten leiden. Aber ein Schiffskatzenwort ist und bleibt ein Schiffskatzenwort. Das ändert sich nicht.
Wenn ich zurückblicke, scheint es, als rasten wir durch die Zeit, Hope, mein Frachtschiff, meine Menschen und ich. Dabei fühlt sich vergangene Unruhe so ganz anders an als die von jetzt. Die Erinnerung ans Erschrecktwerden ist blass, der Schrecken im Moment immer wieder heftig.
Zephyr mit seinem «Irgendwann, irgendwo, irgendwie» nervt. Nie mehr hat er sich blicken lassen, dabei ist Hope schon fast ausgewachsen. Ausgewachsen! Und hat mir heute Morgen, miau, mein Fleisch weggefressen.
Oder ist er es am Ende doch nicht gewesen?
Hast du es gefressen oder nicht? Und: Bist du überhaupt noch da, Hope? Ja oder nein?
Ob er neulich im Schiffsbauch absichtlich geblubbert hat, damit ich ihn endlich finden würde? Nicht undenkbar, wirklich nicht. Nicht undenkbar.
Echt jetzt: Warst du’s oder warst du’s nicht? Ja oder nein? Sag schon!
Als ob er es lesen könnte.
Wie dankbar bin ich für mein Schlüsselwort und für die Wand zwischen Hope und mir.
Miau. Wenn er mir nur nicht und trotz allem so ans Herz gewachsen wäre.
Paffpaff
- SECHSTER EINTRAGvon Hope
YA UN NÄIN
ic warrs
aper nich gannz sso wircklich, flausimizi tu!
babbaf