BLUBBERN IM SCHIFFSBAUCH
Mein Daliegen gestern, meine eigentlich grenzenlose Ruhe dauerte nur kurz. Denn Kohlkopf kam und fragte, ob ich wisse, wo Hope stecke.
Hope?
Ich: sofort auf allen Vieren.
Weil: Nein, das wusste ich nicht.
Und: Ich wusste es auch nach einem Blick in den Spülkasten noch nicht, in dem er manchmal schläft, und auch nicht nach einem sorgfältigen Kontrollgang über mein Frachtschiff.
Hope war und blieb weg.
Abgehauen.
Verschwunden.
Schon wieder.
«Wenn mein Kopfkissen wieder voller Tintenfischtinte ist», schimpfte Kohlkopf, «werfe ich den Achtarmigen eigenhändig und für immer über Bord!»
Für immer, von wegen. Hope schwimmt doch wie ein Fisch, er ist ja fast einer, Wasser ist sein Zuhause. Wie von einer Düse getrieben schösse er unter unserem Schiffsbauch hindurch und kletterte auf der anderen Seite schneller wieder an Deck als Kohlkopf «Geschieht ihm recht, diesem lausigen Kopffüsslerfisch!» denken könnte.
Statt Rumliegen ich also den ganzen Tag auf Tintenfischsuche.
In der Vorratskammer: war er nicht.
Die Kombüse: Fehlanzeige.
Im Maschinenraum: auch nicht.
Der Funkraum: leer.
Auf der Brücke, im Steuerhaus: auch da kein Hope.
Klebte er mit seinen Saugnäpfen irgendwo an der Aussenseite meines Schiffs? Das war auch schon vorgekommen.
Aber: Nein.
Ich überprüfte es noch einmal.
Erfahrung hat mich gelehrt, wie gut Hope sich unsichtbar machen kann. Die Farbe der nächsten Umgebung und sogar deren Oberflächenstruktur kann er meisterhaft nachahmen. Nur seine offenen Augen verraten ihn und das fast immer: Er ist viel zu neugierig, um sie länger Zeit zu schliessen.
Aber nein, nein, nein, es klebte kein Hope am Schiffsrumpf.
Mein Fell war nassgeschwitzt, mein Herz raste, genau wie meine Gedanken.
War ihm etwas passiert?
Ich suchte weiter. Suchte und suchte.
Bis ich, ja, bis ich im tiefsten Schiffsbauch unter den Bodenplatten endlich ein verdächtiges Blubbern hörte.
War es möglich, oh, konnte es sein, dass Hope so blubberte?
Schlangengleich glitt ich durch einen Spalt unter die Bodenplatten und kroch aufs Blubbergeräusch zu. Wie ein Tiger auf der Jagd setzte ich Samtpfote vor Samtpfote, nicht auf den Schmutz achtend, der sich an mein Fell klebte, und den Gestank nach Ich-will-nicht-wissen-was-es-ist ausblendend.
Und tatsächlich: Im abgestandenen Bilgenwasser, bei den Schiffsratten und Schiffkrabben, in eine Vertiefung gedrückt fand ich den Ausreisser.
Hope, du – da?!
Ich hatte das Schlimmste befürchtet, das Allerschlimmste: Hope eingeklemmt in einer Luke oder Hope von der Schiffsschraube zerstückelt oder Hope vom Gefrierraum in einen steifen Block gekühlt oder Hope von einem der grossen, gefährlichen Albatrosse gefressen.
Aber jetzt? Jetzt spielte er mit den Schiffsratten und Schiffkrabben Verstecken.
Die mag er doch gar nicht. Die neckt er doch immer und nennt sie «übles Bilgengetier».
Etwas stimmte nicht.
Ich überlegte. Überlegte gründlich und überlegte schnell. Das Ergebnis explodierte wie eine Blendrakete in meinem Kopf.
Hope spielte gar nicht mit den Schiffsratten und Schiffskrabben, natürlich nicht. Hope spielte mit mir. Er versteckte sich nur im Bilgenwasser, weil ich ihn dort zuletzt suchen würde. Er wusste, dass ich wusste, dass er mit diesem Bilgengetier nichts anfangen konnte. Sicher grinste er in seinem Versteck vor sich hin, umso mehr, je länger und verzweifelter ich ihn suchte.
Ich kenne ihn, ich kenne ihn gut. Zuerst schafft er es, sein Lachen mit einem seiner acht Arme vor dem Mund zurückzuhalten. Dann, weil das Lachen stärker wird, drückt er mit einem zweiten Arm drauf, und dann mit einem dritten, vierten und fünften, bis er seine Freude auch mit allen acht Armen nicht mehr verbergen kann. Dann sieht er aus wie ein bebender Nudelhaufen mit schlangendicken Nudeln, aus dem irgendwelche Laute hervorgluckern. Hopes unterdrücktes Prustelachen war so zu einem schwachen Blubbern im Bilgenwasser geworden. Schwach – aber laut genug für meine feinen Schiffskatzenohren.
Ich hörte dich, Hope, und ich fand dich, fand dich endlich.
Schnellstens machte ich dort weiter, wo mich Kohlkopfs Frage «Trina, weisst du, wo Hope ist?» unterbrochen hatte: beim Ausruhen auf dem warmen Blech über dem Maschinenraum.
Wie gut das tat.
Unter mir die Wärme vom Maschinenraum und auf mir ein paar Sonnenstrahlen.
Wärme rundum. Sie drang durch mein Fell, drang in meinen Bauch, bis ins Ende meiner Schwanzspitze. Sie liess meine Krallen aus- und wieder einfahren. Aus und ein, aus und, ja, wieder ein.
Wie nett von den Menschen, wie wissend, dass sie mein Frachtschiff so gebaut haben, wie sie es gebaut haben: mit dem wärmenden Maschinenraum genau unter meinem Lieblingsplatz.
Jetzt nur nicht an Hopes Blubbern denken, Trina.
Nein.
Vergessen, verblubbern, nicht mehr, nein, nicht mehr daran denken.
Nicht mehr, oh, nein, denken.
So.
Ver-ges-sen.
Miau.
Was?
Was denn?
Etwas wollte ich doch vergessen.
Aber was?
Rrrrr.
Egal. Gaaanz egal.
Paffpaff