WAR ER’S?

Von Hope fehlt jede Spur.

Entweder ist er es tatsächlich gewesen, und er zeigt sich nicht, weil er ein schlechtes Gewissen hat oder sich vor mir fürchtet, oder er ist trotzdem gegangen, auch wenn er gesagt hat, er könne nicht. Vielleicht auch beides: Zuerst hat er mein Fleisch gefressen und dann – paff – ist er abgehauen.

Ob er mich und mein Frachtschiff wirklich verlassen hat? Ob er tatsächlich auf einem Containerschiff der Extraklasse mitfährt? Dann wäre er richtig fort. Vielleicht für immer. Und ich, ich hätte wieder so richtig meine Ruhe.

Miau.

Wieso bin ich nicht einfach froh darüber, so, wie ich es mir vorgestellt habe?

Es wäre wieder wie früher, Trina!

Keine Aufregungen mehr.

Kein Erschrecken.

Keine Sorgen.

Aber, Trina: Versprochen ist versprochen.

Ja, so ist das, ich komme nicht drum herum.

Und ein Versprechen verspricht man, um es zu halten.

«Ich werde zu ihm schauen», habe ich gesagt, ich erinnere mich, als wäre es erst grad passiert.

Trinas Wort ist ein Schiffskatzenwort, und ein Schiffskatzenwort gilt.

Auch wenn das Gegenüber eine Möwe ist, die sich vom Wind treiben lässt, woher er auch weht, und Zephyr heisst.

Hope war so klein gewesen, kleiner als meine Vorderpfote, und fast so niedlich wie ein Katzenjunges. Mit seinen fiebrigen Augen schaute er mich an, wie um zu sagen: «Wenn du nicht zu mir schaust, schaue ich selbst zu mir, bilde dir nur nichts darauf ein.» Dabei war er so auf meine Hilfe angewiesen, dieser Winzling.

Und da, winzig, krank und hilflos, liess Hope mein Herz zum ersten Mal in meinem Leben schneller schlagen. Bumbum, bumbum, bumbum.

Wie oft noch sollte sich das wiederholen!

Zum Beispiel, als er auf Schiffsrattenjagd Schiffsratten aufscheuchte, oder als er seinen Kopf auf mein Bauchfell legte und beim Träumen Unverständliches vor sich hinmurmelte, oder, später, als er seinen ersten selbst gefangenen Fisch in meinen Fressnapf legte.

Und all die andern Gründe!

Schon ganz früh zeigte sich seine Vorliebe für Kohlkopfs Saugnapf, der am Rasierspiegel klebt und mit einer Klemme das Bild eines Menschengesichts festhält. Wie oft lief Kohlkopfs Gesicht zornrot an, weil das Menschengesichtsbild am Boden lag und der Saugnapf mit der Klemme fehlte. Ich renkte ein, was einzurenken war, was zuerst ganz einfach war. Hope spielte irgendwo mit dem Saugnapf, ohne zu wissen, dass er etwas falsch gemacht hatte. Schwieriger wurde es, als Hope Gefallen daran fand, den Saugnapf absichtlich zu verstecken und ihn an unerwarteten Orten wieder auftauchen liess. Einmal klebte der Saugnapf aussen an Kohlkopfs Kabinenbullauge, und in der Klemme steckte eine windzerzauste Möwenfeder. Ein Andermal klebte der Saugnapf an der Tür zur Kommandobrücke und hielt Kohlkopfs löcherigen Strumpf fest. Und unvergesslich natürlich, wie Kapitänin Ui den Saugnapf auf dem Kartenbildschirm fand, wo er unsere Route verdeckte. Was für ein Toben, was für ein Schimpfen! Und in der Klemme klemmte eine Meeresschnecke, die aus dem Häuschen lugte und so schnell wie möglich zurück ins Wasser wollte.

Ach Hope, du entwickeltest eine wachsende Vorliebe dafür, Mensch und Tier zu erschrecken. Gäbe es eine Weltmeisterschaft in «Lautlos Anschleichen», du würdest ganz sicher gewinnen.

Dann, vor ein paar Wochen, wären wir bei einem Anlegemanöver fast in eine Hafenmauer gefahren. Schrecklich! Hope drückte Kohlkopf aus dem Nichts heraus und von hinten einen seiner Saugnäpfe auf den Mund. Patsch! Und das gerade dann, als mein Mensch den grossen roten Hebel hätte auf «Rückwärts» legen sollen. Kohlkopf wollte schreien, konnte aber nicht. Er tönte, als wäre er unter einem Berg Kopfkissen begraben. Später, also: Sehr viel später brummte er, es habe sich angefühlt, als wäre er von einem Dauerküsser geküsst worden. Es brauchte Kapitänin Uis schnelles Eingreifen, damit mein Frachtschiff im letzten Moment doch noch mit voller Kraft zurücksetzte. Die Hafenmauer, das Schiff und wir mit ihm blieben ganz.

Uff!

Tatsache ist: Wenn ich auch nur die Hälfte von dem, was Hope schon angestellt hat, hätte vorausahnen können, hätte ich Zephyr niemals versprochen, zum kranken Tintenfisch zu schauen – so winzig dieser auch war.

«Ich komme euch besuchen!», hat Zephyr gerufen, nachdem ich mein Schiffkatzenwort gegeben hatte, seine Flügel gestreckt und abgehoben. «Irgendwann, irgendwo, irgendwie – ich werde kommen, verlasst euch drauf. Ich…» Das Ende habe ich nicht mehr gehört. Zephyr flog zu hoch, und sein Schwarm um ihn herum lärmte. Ich meinte «Ha-Ha-Hope» herauszuhören. Ha-Ha-Hope.

Miau.

So ist es gewesen, und so ist es immer noch.

Zephyr hat dich auf einer Klippe gefunden, und ich habe dich, Hope, gesundgepflegt. Je besser es dir ging, es ist so, je besser es dir ging, desto mehr mussten meine Menschen und ich unter deinen Taten leiden. Aber ein Schiffskatzenwort ist und bleibt ein Schiffskatzenwort. Das ändert sich nicht.

Wenn ich zurückblicke, scheint es, als rasten wir durch die Zeit, Hope, mein Frachtschiff, meine Menschen und ich. Dabei fühlt sich vergangene Unruhe so ganz anders an als die von jetzt. Die Erinnerung ans Erschrecktwerden ist blass, der Schrecken im Moment immer wieder heftig.

Zephyr mit seinem «Irgendwann, irgendwo, irgendwie» nervt. Nie mehr hat er sich blicken lassen, dabei ist Hope schon fast ausgewachsen. Ausgewachsen!  Und hat mir heute Morgen, miau, mein Fleisch weggefressen.

Oder ist er es am Ende doch nicht gewesen?

Hast du es gefressen oder nicht? Und: Bist du überhaupt noch da, Hope? Ja oder nein?

Ob er neulich im Schiffsbauch absichtlich geblubbert hat, damit ich ihn endlich finden würde? Nicht undenkbar, wirklich nicht. Nicht undenkbar.

Echt jetzt: Warst du’s oder warst du’s nicht? Ja oder nein? Sag schon!

Als ob er es lesen könnte.

Wie dankbar bin ich für mein Schlüsselwort und für die Wand zwischen Hope und mir.

Miau. Wenn er mir nur nicht und trotz allem so ans Herz gewachsen wäre.

Paffpaff